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Neugier und Wissensdurst entstehen durch Fragen. Aus der aktuellen Debatte rund um Erziehung und Bildung wissen wir was Kinder brauchen damit aus ihnen aktive Forscher & Entdecker werden (oder bleiben). Doch so manche unserer Gewohnheiten in der Begleitung unserer Kinder lässt genau das Gegenteil geschehen. Dadurch töten wir die natürliche Neugier – die der Kinder und unsere gleich mit.

1) Kind: „Was ist das?“, Erwachsener: „Eine Feuerwanze.“
2) Erwachsener: „Oh, schau da fliegt eine Meise!“
3) Kind: „Was macht das Tier da?“, Erwachsener: „Es putzt sich.“
4) Kind: „Oh, Papa, schau!“, Erwachsener: „Ja, das ist ein Marienkäfer.“

Solche und unzählige andere Beispiele erlebe ich regelmäßig. Sie begegnen mir in meiner Tätigkeit als Naturmentor, aber ich beobachte sie auch sehr oft bei Spaziergängen oder beim Einkaufen.

Was mich bei Kindern erstaunt ist die Ausdauer und Kraft die sie beim Fragenstellen aufbringen. Die natürliche Neugier – die sie mit auf diese Welt gebracht haben – ist ein riesiges Feuer das lodernd brennt! Und es will genährt werden. Sie wollen die Welt begreifen und erfahren. Die Technik wie das funktioniert schauen sie sich dabei von uns ab.

In unserer Kultur haben wir es zur Perfektion gebracht das Feuer der Kinder zu ersticken – ihre Neugierde zu töten. Wir leben in einem Zeitalter des Plastikwissens – wir plappern Sachen nach, ohne sie erfahren zu haben. Eben das ist es was wir kreieren, wenn wir Kindern jede Frage beantworten. Wir sind sogar schon so gut darin, dass es uns gelingt eine Frage im Keim zu ersticken bevor sie so richtig da war (siehe Fragebeispiel 2 und 4).
Nur die eigenen Erfahrungen produzieren echtes Wissen.

Bevor ich Dir gleich ein paar Tricks verrate, mit denen es Dir gelingt die Neugier der Kinder (oder auch Deine eigene) zu nähren oder neu zu entfachen, möchte ich erst noch die obigen Fragebeispiele genauer mit Dir betrachten.

Bei drei der vier Fragen sticht etwas hervor. Ein deutliches Muster das sich wiederholt. Schau Dir jetzt die Fragen noch mal genau an und versuche das Muster zu entdecken. Wenn Du glaubst es entdeckt zu haben, lies weiter. (Oder lies halt einfach weiter. Falls Du aber die Motivation hast etwas zu verändern, empfehle ich Dir: probier es aus!)

Und hast Du etwas entdeckt? Es sind die Namen.
Wir lieben es Dingen Namen zu geben, nur hat das leider einen unerwünschten Nebeneffekt.
Die Kinder wollen wissen „was das ist“ – es geht ihnen aber gar nicht um den Namen, sondern um das große Ganze. In ihrer Frage: „Was ist das?“, stecken tausend andere Fragen, die das Kind gerade beschäftigt: „Wo kommt das her? Wo geht es hin? Ist es da allein? Was frisst es? Wo ist der Mund? Was tut es so den ganzen Tag? Wo schläft es? Muss es auch Pippi machen? Wenn ja, wie schaut das aus?“ – Und jetzt eine Frage nur für Dich: An welches Tier hast Du beim lesen der Fragen gerade gedacht?

Was passiert im Kind wenn wir die von uns so typische Antwort geben – dem einem Namen geben? Nichts. Du gibst dem Kind ein Wort, nicht mehr. Und dieses „nichts“ fühlt sich auch so an, nach nichts. Das dass Kind ein Wort bekommt ist an sich nicht schlimm, nur solltest Du bedenken, dass sich diese Form von Frage und Antwort immer wieder so abspielt, da es ein in uns etabliertes Muster ist, das wir von Generation zu Generation weiter gereicht bekommen haben. Daraus resultiert in dem Kind das Verständnis, dass es da nicht’s weiter gibt, wonach es zu schauen oder fragen lohnt. Die Neugierde erlischt. Und eines ist für das Forschen & Entdecken unverzichtbar: Neugierde!

Durch das fortwährende Antwort-geben entsteht ein Frage-und-Antwort-Spiel, bei dem das Kind im Kopf einen Hacken hinter die Frage setzt, sobald sie von einem Erwachsenen beantwortet wurde. Das Thema ist mit der gegebenen Antwort erledigt. Weiteres Nachfragen oder Forschen nicht notwendig.
Ein weiterer Effekt aus diesem Muster ist das kindliche Verständnis, dass Erwachsene auf alles eine Antwort haben und alles Wissen. Bei der kognitiven Neukalibrierung des Gehirns im Verlauf des Erwachsen-werdens, hinterlässt die Erkenntnis, dass dem gar nicht so ist, eine sehr ungutes Gefühl.

Namen töten die Neugierde.

Ich bin mir sicher dass Du mindestens eine der Beispiel-Antworten oben kennst und auch schon selber eine solche gegeben hast. Ich auf jeden Fall!
Aber überleg Dir bei Frage 1 mit der Feuerwanze einmal, wie viele verschiedene und ähnliche Arten es da gibt. Vielleicht war es ja gar keine Feuerwanze, sondern eine Ritter-, Beeren-, Streifen- oder Bodenwanze? Kannst Du ermessen was eine solche Antwort also zusätzlich noch verursacht?

Ein tolles weiteres Beispiel ist der Marienkäfer von dem es tausende Variationen gibt! Es geht nicht darum sie alle zu kennen. Es geht darum dass wir Aufgrund der schnellen Namensgebung uns vieles gar nicht mehr genau anschauen. Wie viele Punkte hatte der letzte Marienkäfer denn Du gesehen hast?

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Warum wir die Neugier der Kinder erhalten und nähren müssen

Neugier ist der Motor der uns dazu bringt unseren Fragen nachzugehen und zu forschen. Völlig egal was für eine Frage das ist! Die Frage ist der Beginn einer Reise. Die Reise zur Antwort dauert unterschiedlich lang, manchmal erstreckt sie sich über Jahre, manchmal finden wir die Antwort nie. Der Weg zur Antwort erfolgt durch studieren. Lesen von Büchern, Geschichten hören von anderen Menschen und das Beobachten der Natur. Wenn es um etwas handwerkliches geht, kommt noch das wiederholende tun dazu.

Echtes Wissen ist nur dass was Du selber erfahren hast. Sei es etwas das Du erlebt oder etwas dass Du heraus gefunden hast. Tatsächlich geht es darum, dass jeder für sich das Rad (neu) erfindet – oder, dass Du allein herausfindest, warum dieser Vogel nur eine Blaumeise sein kann und nicht etwa eine Kohlmeise. Nicht weil es Dir jemand sagt, sondern weil Du deren Aussehen, Verhalten und Rufe genau studiert hast. Diesen Prozess nennt man: Lernen.

Und es sind Menschen die neugierig sind und ihren eigenen Weg finden, die uns inspirieren. Oder nicht?
Den Weg der Neugier und des Forschens zu gehen ist der Weg zur Kreativität & Selbstständigkeit. Wünscht Du Dir das für Dich und für Dein Kind?

Von der Neugier zum Wissen – oder: Wie ich die Fragen meines Kindes beantworte, ohne die Neugier zu töten

Die Frage die zur Antwort führt ist: Was kreiert Neugierde?

Kinder bringen die natürliche Neugierde -für einfach alles- in Form ihres Geburtsrechts mit auf die Welt. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es diese Neugier lebendig zu halten. Und genau diese Technik die das kann, nährt auch noch den kleinsten Funken Neugier der in uns schlummert. Die ursprüngliche Neugier wird also wieder in uns lebendig. Es spielt also keine Rolle ob Du Dir jetzt nur vornimmst dass für Deine Kinder oder Freunde zu tun – der Effekt wird automatisch auf Dich über gehen.

Die beste Antwort auf die Wissensfrage eines Kindes ist eine Frage!

Kind: „Ist das eine Brennnessel?“, Erwachsener: „Brennt sie?“ (impliziert die Einladung die Pflanze zu berühren) oder „Was lässt dich vermuten dass es eine Brennnessel ist?“

So oft Dir möglich, versuche die Frage Deines Kindes mit einer Frage zu beantworten. Wenn Du den Effekt noch verstärken willst, dann stell dem Kind immer wieder Fragen. Fragen produzieren Neugierde! Hier gilt tatsächlich einmal: viel, hilft viel! Allerdings: zur richtigen Zeit, am richtigen Ort!
Ideal ist zum Beispiel ein Ritual. Wenn ihr am Abend noch gemeinsam kuschelt oder Du bei Deinem Kind am Bett sitzt. Lad es ein von seinem Tag zu erzählen. Dann pickst Du Dir etwas heraus und fängst an darüber Fragen zu stellen.

Beispiel (tatsächlich so geschehen):

E: „Wir war heut Dein Weg zur Schule? Hast Du etwas gesehen was Dich besonders interessiert hat?“
K: „Ja, da war dieser Storch auf dem Feld!“
E: „Wow, ja wirklich? Wie schön! Kannst Du mir beschreiben wie er ausgeschaut hat?“

Jetzt schau Dir genau die Augen Deines Kindes an, denn da gibt es was besonders zu sehen in diesem Moment!

K: „Hmm … er war ganz weiß!“
E: „Wow, ganz weiß! Was war denn alles weiß an ihm?“
K: „Ja, seine Federn!“
E: „Aha! Nur weiße Federn oder waren da auch andere Farben dabei?“
K: „Hmmm, … also ich hab nur weiße Federn gesehen.“
E: „Und der Schnabel, erzähl mir von dem. Welche Farbe hatte der?“
K: „Gelb, … glaube ich..“
E: „Oh wow, ein gelber Schnabel! Der war sicher groß der Schnabel, oder?“
K: „Ja, R I E S I G !! Soooooo, groß!“
E: „Boa! Echt, sooooo groß?! Was der damit wohl macht? Du sag, und die Füße von dem Vogel, welche Farbe hatten denn die?“
K: “ … hmm. Weiß nicht … ich denk …. grau?! Vielleicht, weiß nicht mehr genau…“
E: „Und wie groß war der Vogel? So groß wie Du?“
K: „Das habe ich nicht so gut gesehen, der war ja doch ein Stück weg und wir sind Auto gefahren.“
E: „Ach so. Wo der jetzt wohl gerade ist? Du und was hat der da eigentlich gemacht auf dem Feld?“
K: „*lach* Gefrühstückt! – Ich weiß nicht, der stand da.“
E: „*lach* Ja vielleicht gab es ein Storchenmüsli? Sag, kennst Du noch andere Vögel die so ähnlich wie ein Storch aussehen?“
K: „Mir fällt grad keiner ein, aber ich hab ein Vogelbuch, wollen wir mal reinschauen …?“

Darauf folgen noch mehrere Minuten blättern in einem Vogelbestimmungsbuch und die Erkenntnis, dass es Vögel gibt die tatsächlich ähnlich einem Storch sind. Sogar einen Vogel mit weißen Gefieder und gelben Schnabel haben wir gefunden. War aber kein Storch.

Die Form des Fragenstellens scheint willkürlich, ist es aber nicht. Beim Fragen rufe ich bewusst Wissen ab von dem ich sicher bin, dass das Kind dies weiß und lasse Fragen folgen die das Kinder an die Grenze seiner Beobachtung führt und darüber hinaus. Eine Frage ausserhalb der Beobachtung/Erfahrung weckt Neugierde. Unbewusst oder bewusst trägt man diese Frage nun mit sich und sie wird exakt zur richtigen Zeit wieder da sein. Wenn das Kind das nächste mal einen ähnlichen weißen Vogel sieht, was glaubst Du worauf es diesmal sehr genau schauen wird?

Bei der „Kunst des Fragenstellens“ wird das Naturmentoring sichtbar – der Prozess des voneinander lernens. Wir tauschen Geschichten aus und regen uns gegenseitig an das nächste Mal auf Details zu achten, für die wir vorher blind waren.

Diese Form des Fragenstellens wird in nativen Völker verwendet und ist enorm effektiv.
Die Kunst besteht darin durch das Fragen Sicherheit und Wohlsein zu erzeugen und sich dann an die Grenzen der Wahrnehmung heran zu tasten. Eine effektive Methode dafür sind die heiligen Drei. Die erste Frage, die mit Gewissheit beantwortet werden kann. Die Zweite, die nur wahrscheinlich beantwortet werden kann. Und die Dritte ist die Frage, die sicher nicht beantwortet werden kann und somit den Horizont erweitert.

Am Anfang fühlt sich das vielleicht komisch an, sich irgendwelche Fragen auszudenken. Aber lass es zu daraus eine neue Routine entstehen zu lassen. Es macht Spaß! Sehr schnell fühlt sich das nicht mehr komisch an sondern wird zu einem Spiel und mehr noch, zu etwas essentiellen. Etwas wonach Du Dich sehnst!
Für Kinder fühlt sich das gar nicht nach lernen an. Es macht einfach Spaß in den Erinnerungen zu kramen, Bilder im Kopf wieder herzuholen und Fragen gestellt zu bekommen in denen Du Dir im ersten Moment denkst: „ …. Bitte … was?!?!„. Der Moment wo Du merkst, dass Du gerade „um die Ecke“ denkst. Ein Gefühl das süchtig macht!

Ein wichtiger Aspekt denn ich an dieser Stelle noch nennen muss um den Bogen zurück zu den Namen zu bekommen: Unser Gehirn ist für das Speichern von Wissen in Form von „Namen“ nicht ausgelegt. Das ist abstrakt und damit mühsam. Wir denken in Bildern! Aber auch in Gerüchen, Geschmäckern, Gefühlen … einfach mit all unseren Sinnen. Wir können Ereignisse in unser Bewusstsein zurück holen als würden sie jetzt gerade tatsächlich geschehen. Das Abspeichern von diesem Wissen, in Einbezug aller Sinnesorgane lässt das Erfahrene sich so tief einbrennen, dass Du es nie wieder vergisst. Durch das Fragenstellen gelingt es uns Ereignisse wieder zu erleben. Gute Fragen sind daher auch all jene, die die Sinnesorgane mit einbeziehen – also mehr als das was nur die Augen gesehen haben!

Das wovon ich spreche ist kein Dogma! Es gibt kein Richtig oder Falsch und natürlich gibt es Situationen in denen Antworten angemessen sind. Wann das ist, dafür gibt es keine pauschale Erklärung. All das hat sehr viel mit Feingefühl und Intention zu tun.

Um gute Fragen zu stellen oder durch Fragen das Kind in eine bestimmte Richtung führen zu können, bedarf es dass Du über das Thema so gut wie möglich Bescheid weißt. Je mehr Erfahrung Du hast, desto einfacher wird es für Dich Fragen zu formulieren. Wenn Dir bei einem Thema so gut wie keine Fragen einfallen, liegt das daran dass Du darüber nicht’s weißt! Oder Du hast sehr wenig Übung im Fragen stellen. Aber das ganze kann man üben, zB durch ein nettes Spiel. Schnapp Dir ein Blatt Papier und einen Stift und greif Dir das nächste was Du erreichen kannst (Stift, Glas, Schere, …) und jetzt schreib in 60 Sekunden so viele Fragen auf die Dir zu diesem Objekt einfallen. Je mehr Fragen desto besser! Absolutes Minimum sollten 10 Fragen sein.

Und wenn nun das Kind eine Frage stellt auf das mir keine Frage einfällt (und ich im Idealfall auch keine Antwort weiß)? Dann sag den unglaublichen Satz: „Ich weiß es nicht.“ Zeig Kindern dass es unmöglich ist alles zu Wissen und das ist ok so! Der Benefit für die Kinder ist, dass sie es als normal erleben dass man nicht alles weiß. Es gibt sehr viele Kinder da draußen die sich für Dumm halten weil Erwachsene ihnen vorspielen dass sie alles wüssten.
K: „Wie heißt dieser Baum?“, E: „Ich weiß es nicht. Wollen wir ihm einen Namen geben?“, K: „Ja .. wir wäre es mit … Peter?“

Und ja, natürlich gibt es Fragen der Kinder wo sie tatsächlich den Namen von etwas erfahren wollen. Dann darfst Du Dir aber die Frage stellen warum dass Kind das wissen möchte? Will es den Namen wirklich wissen oder ist es nur eine Frage der Gewohnheit?!

Das alles darf leicht sein und Spaß machen! Das Leben ist ein Fest! Und wir alle sind Forscher bis zu unserem letzten Tag auf dieser Erde! Oder wie siehst Du das?

Über

Ich bin Gründer der Waldläuferbande (NÖ) und deren Plattform, Mentor für tiefe Natur-Verbindung, Primitiv- und Survival-Techniken und widme mich ganz dem Natur- und Kulturmentoring.

3 Kommentare

  1. Kommentar von Harry

    Harry Antworten 7. März 2018 um 10:29

    Prima geschrieben! Bin gerade in der Wildnispädagogik-Ausbildung und fange im Mai an in einem Waldkindergarten zu arbeiten. Durch den Text wird mir wieder vieles klar. Danke!

  2. Pingback: „Was ist das?“ – Spielstube nach Emmi Pikler

  3. Pingback: Vernetzt im Februar 2015 | Mama hat jetzt keine Zeit…

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