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Empfehlung: Der Podcast zum Artikel 5 gefährliche Dinge, die Dein Kind tun sollte. (Gibt es auch in iTunes)
 

Als ich Januar 2015 den Beitrag 5 gefährliche Dinge, die Dein Kind tun sollte veröffentlichte, hatte ich nicht damit gerechnet dass der sich so stark verbreitet und für so viel Diskussionsstoff sorgt. Schon während ich den Artikel schrieb war mir klar, dass mir weitaus mehr als nur 5 Sachen einfallen würden. Aufgrund des großen Interesse ist es daher nun sehr leicht einfach noch einen „drauf zu setzen“ und weitere gefährliche Dinge vorzuschlagen, die dein Kind tun sollte.

Mein Aufruf, Kinder gefährliche Dinge tun zu lassen, hat seinen Ursprung in den Beobachtungen aus meiner Tätigkeit als Sozialpädagoge und Naturmentor. Und dabei geht es mir nicht nur um Dinge die gefährlich sein könnten, sondern ganz allgemein um Aktivitäten die draußen stattfinden.

Dass Eltern sich Sorgen wenn ihr Kind einen Baum hoch hinauf klettert ist in Ordnung und natürlich. Es ist die Aufgabe von Eltern, sich um das Wohlergehen ihrer Nachkommen zu kümmern und dazu gehört es auch Risiken wahrzunehmen und das Kind davor zu schützen.

Wie kann es dann aber gelingen, dass ein Kind dennoch bis zur eigenen persönlichen Grenze einem Baum hinaufklettern kann, ohne vorher durch die Sorge oder Angst der Eltern eingebremst zu werden?

Die Natur hat Muster etabliert, die den Erhalt einer Spezies gewährleisten und dazu gehört auch eine klare Aufgabenverteilung. Eltern haben vorrangig die Aufgabe ihre Nachkommen zu lieben, zu versorgen und zu beschützen. Findest Du nicht auch, dass das schon echt genug Arbeit bedeutet?

Für die umfangreiche Entwicklung der Kinder, zu der auch Wissen, körperliche Fitness (Vitalität), Kulturgut & Spiritualität gehört, ist die Gemeinschaft zuständig in der das Kind aufwächst. In einer natürlichen Gemeinschaft kümmert sich das ganze Dorf aber auch um das Versorgen und Beschützen der Kinder, denn jedem ist klar wie wertvoll und wichtig die Kinder für die Gemeinschaft und das ganze Volk sind. Sie sind das höchste Gut, das größte Geschenk und ihnen wird entsprechend begegnet. Außerdem fühlt sich jeder in der Gemeinschaft für die Kinder verantwortlich und gibt sein Bestes, ihnen das volle Potential zu entlocken. Für das Klettern auf Bäume sind also Onkel und Tanten (jeder Mensch in der Gemeinschaft) zuständig, denn diese sind nicht durch eine erhöhte Sorgsamkeit befangen.

Der Spruch „Für das Aufziehen eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.“ erinnert uns an unsere ursprüngliche Lebensweise in größeren Gemeinschaften und auch wieviel Aufmerksamkeit und Unterstützung ein Kind für das Heranwachsen benötigt. Warum aber meinen wir heute, dass Eltern die Funktion eines ganzen Dorfes übernehmen müssten?

Etwas mit Gefahrenpotential sind Dinge, die tatsächliche Gefahren in sich tragen sich zu verletzen oder gar das eigene Leben zu verlieren. Hier bei uns verwechseln wir das aber sehr häufig mit den Dingen die nicht zu unserer persönlichen Welt (Komfortzone) gehören und grenzen den Entwicklungsraum für Kinder so noch viel stärker ein – denn die Komfortzonen sind mittlerweile sehr klein geworden. Das für mich deutlichste Beispiel hierfür ist die weitverbreitete Angst draußen zu schlafen. Zumindest ist das eine Angst, die mir bei Kindern und Erwachsenen sehr oft begegnet.

Doch über das Bäume klettern und draußen schlafen habe ich ja schon geschrieben! Was für gefährliche Dinge können wir unsere Kinder denn noch so tun lassen?


6. Stockkämpfe

stockkampf

Foto: Arne Winter / waldlaeuferbande.at

In den Wildnisschulen gibt es ein Spiel das Kinder und Erwachsene gleichermaßen gerne spielen. Wir nennen es Stockkampf. Es ist ein Spiel mit unzähligen Variationen, total simpel und wird nie langweilig. Viele Kinder, die zu den Camps kommen, freuen sich vor allem auf dieses Spiel.
Mit einem Stock, ungefähr in der Länge des eigenen Körpers, wird dann gegeneinander „gekämpft“. Ziel ist es den Fuß eines anderen Spielers zu berühren, der damit für eine bestimmte Zeit aussetzt. Das war’s schon!

Die Kinder spielen es in Duellen, vor allem aber in riesigen Wiesenschlachten mit 20 – 30 Kindern und Erwachsenen – jeder gegen jeden. Legendär wird es, wenn wir in den Wald gehen und das Spiel um Suchen, Verstecken und Teams erweitern. Manchmal auch eingehüllt in die Dunkelheit der Nacht.
Leider ist es nicht möglich, dass was da passiert mit Worten zu beschreiben. Das muss man gesehen oder besser noch erlebt haben! Denn das Spiel ist keineswegs brutal! Mit enormer Achtsamkeit und dennoch völliger körperlicher und geistiger Hingabe wird miteinander gespielt. Bei der Waldläuferbande gibt es sogar ein spezielles Training, bei dem die Kinder durch aufeinander aufbauende Spiele darauf vorbereitet werden, eine Wiesenschlacht blind zu meistern. 30 Kinder und Erwachsene mit verbundenen Augen, die mit Stöcken kämpfen, ohne Verletzungen und das alles total leise. Das zu beobachten ist atemberaubend!

Ja, manchmal gibt es blaue Flecken und Kratzer. Na und, wir sind doch nicht aus Zucker! „Geht schon wieder!“, ein Satz den wir in diesem Zusammenhang regelmäßig von den Kindern hören.

Potential: Körperbeherrschung; die eigene Verletzbarkeit annehmen; kleinere Verletzungen nicht als Drama sehen; sich gegenseitig helfen; Wahrnehmungserweiterung; Kreativität (Ausdenken neuer Variationen)
Gefahren: Verletzungen wie blaue Flecke oder Schürfwunden


7. Popeln

popeln

Foto: Michael Bently / flickr.com

Was hab ich da gerade gelesen?
Ja, richtig: P o p e l n!
Was daran gefährlich sein soll? Nun, das gefährlichste daran ist heutzutage wohl, dass dich jemand dabei sieht. Kleine Kinder haben manchmal noch einen Bonus, aber auch der ist oft schnell dahin und jeder Finger auf dem Weg zu Nase wird verbal geahndet.
Sonst ist Popeln wohl nicht weiter gefährlich – es sei denn du popelst so viel, dass du Nasenbluten oder eine wunde Nase bekommst. Warum ich an dieser Stelle darüber schreibe hat wohl was mit dem übergeordneten Thema dieses Beitrags zu tun, aber auch mit der von mir verstandenen Symbolik des Nasenbohrens.

Zum einem geht es darum den Kindern wieder etwas mehr Freiheit einzuräumen. Popeln steht für etwas Grausliges, Wildes, etwas was wir „unerzogenen Jungs“ gerne anheften. Kinder sollen wieder mehr draußen spielen, „wild“ und unbeobachtet sein und durchaus auch Erwachsenen widersprechen. (Vielleicht kommt davon die Bezeichnung: Rotzgöre?)
Ich verstehe Kinder als junge Menschen und begegne ihnen auf gleicher Augenhöhe – was für mich heißt, ich behandle sie wie jeden anderen Menschen auch. Fangen wir an Kinder wie gleichberechtigte Partner zu verstehen und nicht als unterbemittelte, schwache Lebewesen dessen Alltag und Entscheidungen wir bestimmen. Hier gibt es ein lustiges Video, dass dieses Thema im Bezug auf Kommunikation mit Kindern verdeutlicht: Wenn wir Erwachsene miteinander reden würden, wie wir es mit Kindern gerne tun.

Das Popeln steht außerdem für Langeweile und Müßiggang, aber auch dafür in Gedanken versunken zu sein. Das sind ebenfalls Zustände, die wir Kindern wieder mehr einräumen dürfen. Zeit für Langeweile (der Ort wo die Kreativität zu Hause ist!) und Müßiggang. Gerade letzteres bringen Kinder als natürliches Geschenk mit auf die Welt, etwas was wir ihnen abgewöhnen durch unseren kontinuierlichen Entertainmentdrang. Warum meinen so viele, dass Kinder ständig unterhalten werden müssen? Ausflüge, Events, Partys, Highlights, Kino, Fernsehen, Action, Animation …. was ist mit dem Highlight auf der Wiese zu liegen und zu schauen wie die Wolken fliegen? Und dabei vielleicht den Finger in die Nase wandern zu lassen?!
Geben wir Kindern Zeit! Zeit zu tun was sie wollen. Zeit für sich zu entdecken was sie gerade interessiert. Zeit durch die Langeweile zu gehen um daraus etwas ganz Persönliches zu schöpfen!

Was verbindest Du mit den Bezeichnungen Rotzgöre, Rotzlöffel, Rotzpipe? Fallen Dir noch andere ein? Warst Du so ein Kind? Hast Du solche Kinder?
Also ich kann von mir behaupten das ICH so ein Kind ganz sicher NICHT war!

Potential: Kreativität; den eigenen Impulsen folgen; Ruhe & Besinnung
Gefahren: Rotzflecken auf der Kleidung (oder Möbelstücken); diffamieren durch andere Eltern; herausfordernde Kinder


nachtsimwald

Foto: Donnie Ray Jones / flickr.com

8. Nachts in den Wald gehen

Oh ja! Jetzt geht’s richtig los mit Komfortzonenerweitertung, oder?
Ich finde es erstaunlich wie viele Menschen Angst davor haben nachts in den Wald zu gehen (geschweige denn dort zu schlafen). Nach meinen bisherigen Beobachtungen konnte ich bisher 3 Hauptgründe dafür festmachen: 1. Unwissen, 2. Medienkonsum mit angstmachenden Inhalten (PC Spiele, Internetvideos, Filme, ….), 3. tiefsitzende Ängste aus der Kindheit

Im ersten Punkt geht es darum keine tatsächliche Erfahrung zu haben, den Erfahrungen produzieren anhaltendes Wissen – und nach meinem Verständnis ist allein das echtes Wissen. Für viele Kinder ist draußen schlafen eher untypisch, insbesondere im Wald. Ebenso Spaziergänge zu dieser Zeit. Wenn die Kinder dann alt genug sind und zu einem unserer Programme kommen (meist zwischen 9 und 11 Jahren) haben sie oft auch bereits jede Menge Medienerfahrung gesammelt. Allein zuhause oder mit Freunden. Der 24h Zugang zu Medien durch das Internet ist für unsere Kinder völlig normal und so wird geschaut was neugierig macht, was die Freunde einem schicken oder der YouTube-Algorithmus einem vorschlägt. Und wenn du dir ein Horrorvideo o.ä. auf YouTube angeschaut hast, wird dir YouTube fortan ähnliche Videos zum Anschauen vorschlagen. Die Suche danach ist gar nicht notwendig!

Die Dunkelheit und nicht deutbare Geräusche sind ein wesentliches Element solcher Videos und die erzeugten Gefühle lassen die Erfahrung tief in uns verankern. Dunkelheit, Wald, undefinierbare Geräusche, schemenhafte Umrisse verbinde ich nun mit Hochspannung und Angst.
Solche Videos bringen uns an den Rand unserer Komfortzone (oder gar darüber hinaus) und weil dieser Rand etwas Magisches ist, suchen wir ihn gerne auf. Allerdings gibt es unterschiedliche Wege dorthin und wenn ich keinen menschlichen Mentor habe, der mich dorthin begleitet, dann wähle ich als Mentor ein Thema (zB Horrorvideos), das mich an diese Grenze bringt.

Vor meiner Wildniszeit glaubte ich ein „Naturverbundener Mensch“ zu sein. Meine tatsächliche Erfahrung war jedoch nur auf Natur-Erlebnisse beschränkt. 1999 kam ein Psycho-Horror-Film in die Kinos, der für sehr viel Wirbel sorgte. Ein paar Jahre danach schaute ich mir ihn an und fortan war jeder Weg durch die Dunkelheit (besonders in der Natur) mit Gefühlen der Furcht begleitet. Dabei half mir das innerliche vorbeten: „Es war nur ein Film. Das war nicht echt…“ nicht dabei, mich wohl und sicher zu fühlen.

Als Outdoor- & Erlebnispädagoge habe ich verschiedene Naturerfahrungen mit Kindern durchgeführt und mir dabei einmal beinahe in die Hose gemacht als ich in einem Zelt im Wald übernachtete. Ganz früh mit den ersten Sonnenstrahlen hatte ein junges Reh direkt neben unserem Zelt nach seiner Mama gerufen. Eine hübsche Konversationen entstand zwischen Rikke und Kitz, quer durch den Wald. Das Dummer war nur, dass ich solche Geräusche noch nie gehört hatte! Mein Unwissen beflügelte meine Phantasie und so befürchtete ich, dass ein Keiler unser super-duper-windergonomischgeformtes-HighTech-Zelt für einen Konkurrenten im Revier halten würde und JEDEN MOMENT unser Zelt beginnt zu attackieren. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich habe sicher ganz schön geschwitzt in meinem Schlafsack. Das Kind neben mir schlief tief und fest – so wie Kinder halt schlafen, … die glücklichen.

Was mir später geholfen hat waren die bedeutungsvollen Erfahrungen gemeinsam mit anderen tief naturverbundenen Menschen. Sehr viel Zeit habe ich mit ihnen draußen verbracht und so jede Menge positive Erfahrungen und Gefühle damit verknüpft, dass die Angst nur noch eine Erinnerung ist.

Bei Kindern und Jugendlichen begegnet mir deren irrationale Angst vor dem dunklen Wald häufig. Manche Kinder/Jugendliche bekommen sogar panische Zustände. Dabei geht es dann meist um Angst vor „wilden Tieren“ oder vor „bösen Menschen“. Der Nachteil an der Panikzone ist, dass man dort nichts lernen kann. Denn in der Panik gibt es nur: Laufen, Angreifen oder Einfrieren. Da läuft im Köper alles auf „überleben“ und da ist die Funktion neue Synapsen zu bilden nicht vorgesehen!
Das nach meinem Verständnis wirklich einzig gefährliche in der Nacht im Wald ist ein schlecht sehender oder angetrunkener Jäger, aber selbst die habe ich selten angetroffen da sie am liebsten zur Dämmerung unterwegs sind – natürlich aber nicht ausschließlich.

Bei Menschen, mit so tiefen Ängsten, muss das Vertrautmachen mit der Nacht und dem Wald also sehr behutsam und achtsam geschehen, damit diese Ängste abgebaut werden können!

Was für Gründe könnte es geben nachts im Wald unterwegs zu sein?! Nun, wie beschreibt man das mit Worten? Es ist einfach magisch! Die Nacht ist eine „andere Welt“ und in der Nacht kann man Tiere sehen, die tagsüber eher rumdösen. Es riecht anders, alles sieht anders aus, alles hört sich anders an und ganz besonders schön wird es natürlich wenn die Mondin durch die Bäume scheint und die Sterne am Himmel glitzern. Wenn du all das wahrnimmst, steigen besondere Gefühle in dir auf: Dankbarkeit, Geborgenheit und das Gefühl zu Hause zu sein. Schonmal einen Eulenvogel lautlos in der Nacht zwischen den Bäumen fliegen gesehen? Oder das Tanzen der Fledermäuse? Da fällt dir sicher die Kinnlade runter, denn das ist absolut phänomenal!

Etwas „Gefährliches“ ist dieser Punkt nur deswegen, weil so mancher von uns sich tiefen inneren Ängsten stellen muss.

Potential: Sinneserweiterung und -training; Erweiterung der Komfortzone; einzigartige Momente bewusst wahrnehmen
Gefahren: Verletzungen durch unachtsames Bewegen; Verärgern von Jägern; bei unachtsamer Begleitung von verängstigten Menschen, (re)traumatisierung


9. Tote Tiere berühren

totetiereberuehren

Foto: Arne Winter / waldlaeuferbande.at

Kennst Du auch diese Stimme die dir sagt: „Fass das nicht an! Da kann man krank von werden!“
Die meisten von uns kennen das und vielleicht auch Ekel vor toten Tieren. Und auch bei diesem Thema geht es viel mehr um etwas Psychisches – etwas was wir von anderen übernommen haben und uns so leider aber eigene Erfahrungen verwehrt. Bei diesem Punkt geht es ganz besonders darum aus übernommenen Verhaltensmustern auszubrechen und sich ganz und gar für die eigene Wahrnehmung zu öffnen.

Was soll es bringen tote Tiere anzufassen? Nun, für mich, sowie für viele andere Wildnisleute auch, verhält es sich so dass wir eine ordentliche Portion Respekt vor dem Leben haben. Wir beobachten total gern Wildtiere, halten vor deren Raum aber respektvoll Abstand. Und auch wenn es uns gelingt auf achtsame und respektvolle Weise, sehr nah in deren Räume vorzudringen (ohne sie dabei zu stören) ist es recht schwierig sich zum Beispiel die Pfoten eines Baummarders ganz genau anzuschauen. Und das ist einer der Merkmale von uns Wildnisleuten – wir wollen alles selber sehen, spüren, riechen und schmecken. Und zwar jedes Detail!
Besonders beim Thema tote Tiere gibt es über Wildnisleute eine lustige Sammlung an Klischees, die du hier gern nachlesen kannst.

Ein relativ frisch gestorbenes Tier ist ein Riesengeschenk, da es uns die Möglichkeit gibt, das Tier ganz genau zu betrachten. Wie sonst soll ich die Ohren einer Waldohreule vermessen oder die Krallen eines Baummarders oder den Schwanz der Schwanzmeise?! Tote Tiere eröffnen uns diese Möglichkeit solchen Fragen nachzugehen oder mein Wissen zu überprüfen.
Wir leben in einer Zeit des Plastikwissens. Wir plappern gerne nach was andere uns vorsagen ohne zu überprüfen ob es sich tatsächlich so verhält. Beim Betrachten von Vögeln erlebe ich es sehr oft, dass Menschen schnell mal einen Namen nennen und sich dessen ganz sicher sind. Einen Grauspecht von einem Grünspecht zu entscheiden ist gar nicht so einfach und es gehört ERFAHRUNG dazu wirklich sicher eine solche Bestimmung durchzuführen – wer es noch eine Kategorie herausfordernder mag, kann es mal mit Zilpzalp und Fitis versuchen.

Fehlende Erfahrung sorgt außerdem dafür, dass ich Gefahren nicht wirklich abschätzen kann. Wie erkenne ich, ob das Tier tatsächlich an einer Krankheit gestorben ist und nicht aufgrund einer Glasscheibe oder eines Jägers (z.B. Beutegreifer) sein Leben verloren hat? Und wie weit ist die Verwesung schon fortgeschritten? Haben Fliegen schon ihre Eier im Fell/Gefieder abgelegt? Sowas lerne ich nicht aus Büchern oder vom Hörensagen. Das muss ich selber begreifen. Mit der Nase weiß ich sehr schnell wie weit die Verwesung fortgeschritten ist. Aber auch hierfür muss ich die Gerüche dafür erstmal kennen.

Grundsätzlich gibt es natürliche eine echte Gefahr bei diesem Thema, jedoch wiegt diese nicht schwerer als bei allen anderen Themen. Die größte Gefahr liegt in einer Infektion durch unachtsamen Umgang – das aber auch nur dann wenn das Tier entweder tatsächlich krank war oder durch Verwesung bereits Alkaloide vorhanden sind. Diese müssen dann aber erst z.B. durch orale Schmierinfektion oder durch eine Verletzung in unseren Organismus gelangen1. Konkret heißt das, dass ein totes Wildtier nicht gefährlicher ist als das tote Huhn das du gerade für deine Suppe zerlegst (von mir aus darf’s auch Rindfleisch sein). Hast Du Angst davor Fleisch und Wurst anzufassen?

So verhält es sich mit den Studienobjekte die wir manchmal finden oder von Jägern zur Verfügung gestellt bekommen. Und diese Anlässe sind optimal um den Kindern den sicheren Umgang damit zu zeigen. Und für alle, die sich das selbst nicht zutrauen und es auch so ihren Kindern nicht ermöglichen können: Bei uns passiert das!

Tot gefundene Tiere dürfen nicht mitgenommen werden. Sie unterliegen dem Jagdrecht und gehören dem jeweils zuständigen Jagdpächter.2
Ich empfehle Grundsätzlich bei einem Interesse zu diesem Thema vorher mit dem zuständigen Jäger Kontakt aufzunehmen.

Potential: echtes Wissen aneignen; Tiere und deren Anatomie genau und authentisch kennenlernen; respektvoller, achtsamer und sicherer Umgang mit toten Lebewesen erfahren
Gefahren: Bakterientoxine, Alkaloide und mikrobielle Infektionen

1 http://www.aspetos.at/news/index.php/gesundheit/32-sind-leichen-giftig
2 StGB§292 Deutschland/ StGB §137, StGB §141 Österreich


umherstreifen

Foto: Joseph Krpelan / topfunddeckel.com

10. Umherstreifen

Umherstreifen meint das ziellose Umherwandern, also ohne ein Ziel zu verfolgen (da oder dort anzukommen oder wegen dem oder das herumzugehen). Einfach der Nase nach oder einfach herumgehen wo es einen gerade hinzieht. Dabei soll es zum einen darum gehen sich ganz dem zu öffnen was da ist. Wenn mein Kopf die ganze Zeit voll ist, mein Plappermann (Stimme im Kopf) mich unterhält oder auch wenn ich mit jemandem gemeinsam gehe und mich unterhalte, dann ist meine Wahrnehmung sehr eingeschränkt. Des weiteren soll es darum gehen ungeplante Zeit zu verbringen, zu sein, und so die Geschenke annehmen zu können, welche die Natur uns eröffnet.

Umherstreifen meint auch kreuz und quer durch den Wald (oder durch den Park) zu wandern und sich durchaus zu trauen Wege zu verlassen. „Der Fuchs wartet auf Dich abseits der ausgetretenen Wege.“ Manche Geschenke oder Rätsel finden sich nur abseits der Wege. Wenn du die finden möchtest, musst du bereit sein die von Menschenhand gemachten Pfade zu verlassen.

Durch Umherstreifen lerne ich meine Umgebung kennen. Ich kann hundertmal durch denselben Wald oder Park gehen und weiß nach dem hundertsten Mal noch immer nicht, dass sich im Südwesten ein Fuchsbau befindet. Oder was ganz anderes, viel simpleres: ein wunderschöner Ort voller Ruhe und Kraft an dem du total gern verweilst und auftanken kannst. Sowas findet sich äußert selten an einem oft begangenen Weg.
Aber wie gesagt, es geht auch darum seine Umgebung kennen zu lernen. Wie sie aussieht, was da so wächst, wo es Wasserläufe gibt, usw. Dies ist ein Schritt zum Einheimischen zu werden. Sein Land zu kennen und dessen Bewohner. Und das wiederum ist essentiell wenn ich der Meinung bin Natur schützen und erhalten zu wollen. Ich kann nur etwas schützen und erhalten von dem ich weiß, dass es vorhanden ist. Wenn ich diesen magischen Platz nicht kenne an dem ich Kraft und Ruhe finde, an dem mich das Eichhörnchen besucht oder das Rotkelchen, dann werde ich ihn auch nicht vermissen wenn er weg ist. Und ebenso verhält es sich mit allen anderen Lebewesen und Pflanzen. Wenn ich nicht weiß, dass sie da sind, werde ich sie auch nicht vermissen wenn sie weg sind.

Das Prinzip des „Umherstreifens“ ist Teil unseres Konzeptes. Es ist eine Kernroutine und somit bei jedem unserer Programme dabei. Maximal für die Hälfte der Veranstaltungszeit haben wir uns etwas einfallen lassen, der Rest der Zeit ist offen für die Wunder, die daherkommen.

Die mögliche Gefahr besteht darin sich zu verlaufen, wenn man kreuz und quer durch die Botanik streift.
Wer sich unsicher fühlt, sollte lernen sich anhand von Landmarks durch unbekanntes Gelände zu bewegen. Landmarks sind wie Wegweiser, die dir dabei helfen sich zu orientieren. Zum Beispiel ein sehr auffälliger Baum, ein besonders markanter Ameisenhaufen usw.
Kinder haben bei uns automatisch die Möglichkeit umherzustreifen. Durch die Begleitung von uns sehr wachsamen Mentoren, spannen wir quasi ein riesiges unsichtbares Band. Ein Rahmen in dem sich die Kinder bewegen, für sich sind, wir aber dennoch wissen wo sie sind – und wenn es sich dabei nur um die Himmelsrichtung handelt. Zudem haben wir vereinbarte Signale (Tierlaute) über die wir kommunizieren und so wissen wo die Kinder sind, oder ihnen mitteilen dass es Zeit ist, ins Lager zurück zu kehren. Es ist noch nie ein Kind verloren gegangen. Und die Kinder bringen jedesmal die tollsten Geschichten mit, von dem was sie erlebt haben. Und für manche ist es etwas ganz Besonderes einen ganz persönlichen geheimen Platz zu haben den nur sie allein kennen und immer wieder aufsuchen.

Verbringe unverplante Zeit, ohne Ziel und Zweck. Mach dich frei und öffne dich für das, was da ist! Werde zum Einheimischen!

Potential: offen empfangen was offenbart wird; seine Umgebung kennenlernen
Gefahren: sich verlaufen


11. Im Winter Campen

wintercamp

Foto: Claudia Hornik / infilziert.at

Eines der größten Abenteuer überhaupt! Mehrere Tage in Eis und Schnee draußen leben! Klingt unvorstellbar? Erweitere deine Vorstellungskraft!

Gerade bei so einer Aktion zeigt sich die Vitalität, die in uns steckt. Eine natürliche Vitalität die Kinder oft sehr schnell abrufen können. Wenn wir den Kindern beim Rodeln zuschauen und uns die Zehen abfrieren, haben die Kinder einen Riesenspaß und ganz sicher noch nicht genug. „Frierst du nicht?“ – sicher nicht. Hast du dein Kind nach so einer Aktion schon mal pitschnass aus dem Schneeanzug gepellt? Das ist kein geschmolzener Schnee – das ist Schweiß!

Das Leben im Winter draußen ist eindeutig anders – herausfordernd. Denn natürlich ist es so, dass wir schneller beginnen zu frieren, vor allem wenn wir körperlich inaktiv sind. Bei so einem Erlebnis werden sehr schnell die eigentlichen Prioritäten wahrgenommen. Wir brauchen es warm, ein Dach über dem Kopf, etwas zum Essen damit der Körper Wärme produzieren kann und natürlich Wasser um nicht auszutrocknen. Wintercamps sind ideal für Menschen die bereits Erfahrungen im Leben draußen haben, die ihre Komfortzone bereits erweitert haben und bereit sind den nächsten größeren Schritt zu tun.

Bei all unseren Camps verhält es sich so, dass die Kinder ein wichtiger Teil der Gemeinschaft sind und Aufgaben übernehmen. Die Kinder erleben, dass die von ihnen ausgeführte Aufgabe essentiell für das Leben aller ist und sie spüren es unmittelbar wenn sie sich nicht darum kümmern. Wenn es kein Wasser gibt, haben alle nichts zu trinken und die Küche kann nicht kochen. Wenn sich niemand um das Feuerholz kümmert frieren wir am Abend und die Küche bleibt kalt. Es ist ganz simpel.
Im Winter werden diese Prioritäten noch sehr viel schneller klar, denn Wärme wird nicht zum Luxus, sondern zu etwas Überlebenswichtigem.

Fakt ist, dass die Kinder diese Aufgaben mit Freude übernehmen. Und ebenfalls Fakt ist, dass die tagesnotwendigen Aufgaben so gut wie immer von allen gemeinsam zur gleichen Zeit erledigt werden und dadurch ratzfatz erledigt sind. So haben wir sehr viel Zeit für andere Dinge wie das Werkeln am Feuer, Geschichten erzählen, kuscheln … Fakt ist aber auch, dass die Kinder immer total gern bei allen Aufgaben dabei sind. Es ist phänomenal wenn die Kinder mit großer (Vor)freude den Palatschinkenteig mit anrühren. Heiße Palatschinken aus der großen Wildnispfanne, direkt auf dem Feuer gebraten … damit wird das Camp zu einem 5 Sterne Ereignis.

Potential: die Fähigkeiten des eigenen Körpers kennenlernen; persönliche Grenzen spüren; erleben was möglich ist
Gefahren: Hypothermie; ständig nackert umadum laufende Kinder (weil sie nach so einem Camp Kälte anders spüren)


federaufheben

Foto: Arne Winter / waldlaeuferbande.at

12. Eine Feder aufheben

2012 begann ich Naturmentoring im Rahmen einer Alternativschule anzubieten. Einmal die Woche war ich vormittags mit den Kindern draußen unterwegs. Es dauerte nicht lang bis dann auch meine erste Nachmittagsgruppe dort entstand.
Die Gefiederten haben mich schon immer sehr fasziniert und somit hatte ich für die Kinder stets eine besondere Geschichte parat die ich erlebt hatte oder eine neue Feder zum herzeigen.

Wenn Du für eine Sache brennst, ist es einfach andere anzustecken.

Die Kinder hatten so sehr schnell ihren Fokus auf Federn und somit fanden wir bei unseren Aktivitäten eigentlich jedes mal mindestens eine Feder. Vogelfedern wurden zu einem Sammelobjekt, die sich die Kinder ständig untereinander zeigten (inkl. Geschichten) oder die sie miteinander tauschten. Und das über unsere Aktivitäten hinaus. Mir fiel das erst zufällig auf, als ich mal spontan in dieser Schule auf Besuch war und ein Kind mit einem Beutel voller Federn beobachtete. Ich war überrascht, aufgeregt und begeistert zugleich. Schnell hatte ich die Verbindung zu meiner bisherigen Erfahrungen mit Kindern sowie meiner eigenen Kindheit. Kinder lieben es Sachen zu sammeln, deswegen gehen auch die Stickeralben und Sammelkarten so gut! Was hast Du als Kind gesammelt? Bei mir waren es Glitzersticker (Puh, jetzt hab ich mich geoutet!).

An Federn ist nichts giftiges und auch keine gefährlichen Bakterien. Solange auf der Feder keine Fleischreste sind oder die Feder von oben bis unten vollgekotet ist, kann überhaupt nichts passieren. Ok. Ein Jäger den du nicht bemerkt hast könnte dich jetzt schroff anreden und dir dann von Wilderei erzählen. Und definitiv ist das hierbei die größte Gefahr! Laut Gesetz3 ist es Wilderei Federn aus dem Wald mit heimzunehmen (verrückt, oder?). Eine Feder aufzuheben und genau zu studieren und zu fotografieren ist auf jeden Fall nicht verboten.

Warum verlieren Vögel Federn? Vögel wechseln ihr Federkleid. Sie sind äußerst eitle Wesen und jagen immer dem neusten Trend hinterher. Welche Farbe ist grad hip? Wie trägt man seine Federn heut?
Ok, das war ein Scherz. Dennoch wechseln sie ihr Federkleid. Wie oft, hängt von der Art ab, z.B. ob sich ein Männchen vor der Paarungszeit hübsch rausputzt. Zudem gibt es verschiedene Mauserformen bei denen Vögel Teile oder auch das ganze Gefieder erneuern. Es kommt aber auch vor, dass ein Vogel zur Beute wurde und der Jäger die Federn entweder herausrupft oder abbeißt. Schau dir eine gefundene Feder genau an. Es lässt sich erkennen warum und wie der Vogel diese Feder verloren hat!

Worum es mir geht: Federn sind wunderschön und tolle Rätsel. Denn mal abgesehen davon, dass sie eben schön Anzuschauen sind (vor allem die Details wenn man länger drauf schaut), unterschiedliche Formen und Größen haben, ist es spannend zu rätseln wo genau diese Feder am Vogel ihren Platz hatte. Ich finde das faszinierend. Federn bringen uns ein Stück näher an den alten Traum vom Fliegen. Es sind faszinierende Geschöpfe, die zwischen Himmel und Erde zuhause sind, die den ganzen Tag für uns wunderschöne Lieder singen und uns mitteilen wollen was um uns herum so los ist. Sich mit diesen Wesen, ihrer Lebensart und ihrer Kommunikation genauer zu beschäftigen hilft dir sehr zu einer tieferen Naturverbindung zu kommen.

Menschen sind unterschiedlich. Es lohnt sich auf jeden Fall mit dem Jäger aus deiner Region Kontakt aufzunehmen und mit ihm über dieses Thema zu sprechen. Viele sind aufgeschlossen und offen dafür. Denn den meisten geht es ja auch darum, dass die Menschen die Natur besser kennenlernen und schützen.

Potential: Sammelleidenschaft auf etwas fokussieren, das dir auf dem Weg zu einer tieferen Naturverbindung hilft
Gefahren: Ärger mit Jägern aufgrund von Wilderei

3 StGB§292 Deutschland/ StGB §137, StGB §141 Österreich


13. Bogen schießen

bogenschiessen

Foto: Arne Winter / waldlaeuferbande.at

Kinder lieben es Bögen zu bauen und mit Pfeilen zu schießen. Warum?
Es spricht etwas tief in uns an, dass uns an unsere Jäger- und Sammlerzeit erinnert. Aber hej, es macht auch einfach nur Spaß. So wie es für manche ein Nervenkitzel ist eine Kugel über eine lange Bahn zu schleudern, die dann am Ende lauter Kegel umwirft. Bogenschießen ist zu einem Produkt geworden, dass sich im Bereich der Naturerlebnisse gut verkauft, so wie Mountainbiken, Trekkingtouren uvm.

Was mich an diesem Thema besonders reizt, ist dass Bauen von Bögen und Pfeilen. Ich bin kein sonderlich guter Schütze und habe vorallem Freude daran einen perfekten Bogen zu bauen. Ich habe auch sehr viel Freude am Bogenschießen, jedoch habe ich dabei keinen Leistungsanspruch. Es geht mir um den Spaß.
So ist Bogenschießen ein Bereich bei dem ich die Kinder auf sehr vielen Ebenen fordern kann. Beim Bogenschießen müssen wichtige Regeln eingehalten werden, damit es nicht zu Verletzungen kommt. Beim Schießen kann ich Instinkt und Gespür trainieren, da wir nicht wie Sportschützen schießen, sondern auf „alte“ Art. Und ich kann sämtliche Fertigkeiten der Kinder schulen wenn es darum geht einen Bogen zu bauen. Welches Holz eignet sich dafür? Welches ist leicht zu bearbeiten? Welches hat die meiste Spannkraft? Wie stark muss der Bogen für mich sein? Wie kann es gelingen, dass Pfeile gerade raus, schnell und weit fliegen? Kinder bauen bei uns unzählige Bögen aus verschiedenen Hölzern und eignen sich so sehr viel Wissen über Bäume und Sträucher an. Und wenn der Flitzebogen nicht mehr reicht, werden die Kinder in den traditionellen Bogenbau eingeweiht (dessen Weg über die unzähligen Flitzebögen bereits angelegt wurde) und lernen einen Bogen zu bauen der lange hält und auf 3D-Parcours eingesetzt werden kann.
Das Bauen eines Bogens erfordert Geduld und Ausdauer. Ganz besonders auch eine hohe Frustrationstoleranz denn Bögen brechen und Pfeile gehen verloren. Das liegt – wie man so schön sagt – in der Natur der Sache.

Potential: stärken unzähliger Fertigkeiten und Eigenschaften wie Sägen und Schnitzen; kennenlernen von Pflanzen, Sträuchern und Bäumen; Ausdauer
Gefahren: Schnittverletzungen; Verletzungen durch nicht einhalten von Regeln oder durch missliche Umstände (zB angebrochener Pfeil)


raufen

Foto: Syda_Productions / depositphotos.com

14. Raufen

Das ist ein delikates Thema. Mit Raufen meine ich insbesondere das spielerische Raufen und Balgen. Ich denke durchaus aber auch an Reibereien bei Streitigkeiten.
Manchmal habe ich den Eindruck das Eltern oder Pädagogen Gewalt mit Raufereien gleichsetzen. Quasi, wenn die Kinder sich körperlich auseinandersetzen, dann werden sie das ja dann immer so lösen wollen. Ich halte das für Quatsch und ehrlich gesagt nervt mich das Verhätscheln und die wirhabenunsallelieb-Mentalität wirklich sehr. Nur damit wir uns nicht missverstehen, ich stehe nicht dabei, klatsche und jole wenn sich Kinder prügeln. Ich bin definitiv für gewaltfreie Lösungen bei Konflikten. Bei sehr heftigen Auseinandersetzungen gehe ich auch mit ganzen Körpereinsatz dazwischen falls notwendig. Was ich beobachte, ist ein totales Vermischen und in einen Topf hauen von kindlichen Aktivitäten die auch nur ansatzweise die Interpretation erlauben, es habe etwas mit Gewalt zu tun oder könne dahin führen.

Wir Menschen sind beschenkt mit einem enormen Sinnesapparat. Mir fällt keine andere Spezies auf diesen Planeten ein, die so vielseitig ausgestattet ist. Unsere sensorische Wahrnehmung über unser größtes Organ (die Haut) ist phänomenal. Wir können damit die Sonnenstrahlen und den leisesten Windhauch spüren. Und natürlich die Berührung eines anderen Menschen.
Kinder lieben es zu raufen, sie kullern über den Boden, ineinander verknotet und lachen & glucksen dabei. Burschen mögen es auch gern mal etwas grober und leider wird das dann oft fehlinterpretiert als „Kampf“ oder „Streit“ und muss schnell beendet werden. Das sind meine Beobachtungen aus der Pädagogik. Spätestens hier macht sich dann der Männermangel in pädagogischen Einrichtungen bemerkbar. ErzieherInnen frohlocken wenn ein männlicher Kollege sich den wilden Burschen annimmt.

Ich behaupte, dass wir das Raufen so dringend nötig haben wie die Luft zum Atmen oder das Wasser zum Trinken. Kinder wollen sich und den anderen spüren und das geht so wunderbar über die Haut und einen direkten Körperkontakt. Hast du mal mit jemanden gerauft? Vielleicht als Kind? Das Rollen über den Boden, ziehen und drücken, anspannen, entspannen. Und am Ende liegt ihr beide schnaufend am Boden mit roten Gesicht? Ich habe es geliebt! Bin ich damit allein?
Wenn wir erwachsen werden, wird das Bedürfnis nach raufen etwas spezifischer – sie wissen was ich meine?! Aber hej, ich kann es auch gerade aussprechen: Sex!

Nachdem das Raufen zu etwas „bösen“ und somit aus vielen Erziehungseinrichtungen und Elternhäusern verbannt wurde, kommt nach ein paar Jahrzehnten ein Kerl daher, rauft mit den Kindern und nennt es OriginalPlay. Hunderte Menschen besuchen seine Seminare um bei ihm zu lernen wie man rauft. Auch hier: missinterpretieren sie meinen provokanten Schreibstil nicht. Ich wertschätze die Arbeit von Donaldson und bin ihm dankbar für das Teilen seiner Erkenntnisse. Ich liebe was er tut! Genauso könnte ich auch darüber schreiben wie paradox ich es finde, dass Menschen Kurse in Wildnisschulen besuchen um Feuermachen zu lernen oder noch simpler um Lagerfeuer zu erleben. Eines der ältesten und essentiellsten Elemente aus unserer Geschichte. Etwas ohne dem wir heute gar nicht hier wären, müssen wir in Kursen besuchen, weil Gesetze Menschen verbietet ein Lagerfeuer im Garten zu machen. Ich finde das echt schräg um nicht zu sagen krank.

Ich selber wende die Essenz aus OriginalPlay auch an und es wäre durchaus angemessen an dieser Stelle zu sagen dass es mehr als einfach nur Raufen ist – vielleicht aber auch nicht, ich mag es wenn die Dinge einfach und nicht zu verkopft sind. Worauf ich aufmerksam machen möchte ist die Essenz die dahinter steht. OriginalPlay greift auf etwas ursprüngliches zurück und gibt dem Ganzen durch fundierte Argumentation (für unseren Kopf) einen Sinn. Es geht um Körperkontakt und was dieser mit uns macht. Und es gäbe noch einiges mehr hier darüber zu schreiben, nur ist dieser Artikel schon jetzt lang genug. Für mich wesentlich an dieser Stelle im Bezug auf das Raufen ist, dass durch das Raufen u.a. auch Aggressionen abgebaut werden und sich so nicht im Körper aufstauen. Durch das Unterbinden von Raufen erzeugen wir genau das was wir eigentlich zu verhindern suchen. Durch das fortwährende Überwachen und einbremsen der Kinder steigt die Aggression, die außerdem genährt wird durch Spannungen und negativen Erlebnissen wie Enttäuschung, Frustration, Angsterfahrungen usw. So steigt die Aggression stark an bis sie sich in einer Explosion entlädt und so z.B. in eine Prügelei ausartet.

Fakt ist aber auch zu sagen, dass wir Worte/Namen werten und scheinbar ist es so, dass Raufen negativ behaftet ist. Raufen hat eine enorme Qualität und ich fände es schön, wenn es wieder zu dem wird was es schon immer war. Ein Spiel, etwas Natürliches und Wertvolles. Etwas was wir gerne tun, weil es Spaß macht und uns gut tut. Auch uns Erwachsenen!

Und vielleicht gelingt es uns, unsere Kinder und auch uns selbst nicht mehr so in Watte zu verpacken! Wir sind dafür gemacht um draußen zu leben! Unser Körper hält irre viel aus! Fang an dich zu spüren! Fang an zu raufen!

Potential: eine ewig lange Liste
Gefahren: ach hör mir doch auf!


Noch immer nicht genug? Ich bin sicher mir fällt noch mehr ein!
Oder hast Du was? Schreib es unten in die Kommentare!

Über

Ich bin Gründer der Waldläuferbande (NÖ) und deren Plattform, Mentor für tiefe Natur-Verbindung, Primitiv- und Survival-Techniken und widme mich ganz dem Natur- und Kulturmentoring.

4 Kommentare

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  2. Kommentar von Axel Wartburg

    Axel Wartburg Antworten 19. Januar 2016 um 21:50

    So hoch schaukeln und klettern lassen wie es selbst möchte. Wir haben einen Abenteuerhof für Kinder auf Basis der Permakultur aufgebaut. In der Entstehung baute ich, als Indoor-Kletter-Trainer, auch eine Boulder-Wand, die auf das Garagendach hinaufführt, welche in die Scheune hineingebaut wird.

    Und da ich die Meinung habe, dass Kinder so hoch klettern dürfen sollten, wie sie selbst können. erlebe ich immer wieder, wie ängstlich Eltern sind, da das Kind ja auch herunterfallen könnte. Und dann machen sie den Fehler dem Kind hochzuhelfen. Das ist wie beim „auf die Bäume klettern“: Nur so hoch, wie das kind aus eigenem Antrieb schafft! Gefährlich wird es nämlich dann erst, wenn das Kind in einer Höhe oder auf einer Kletterroute ist, in die es allein nicht hätte klettern können.

    Stehe hinter deinem Kind und sag ihm, wenn du fällst, fang ich dich auf, aber gib deinem Kind keine Stütze! Wenn dein Kind nicht weiter weiß, hilf ihm gerne mit Lösungen, aber lass es diese selbst umsetzen. Wenn es nicht mehr kann, nimm es gern herunter. Das ist absolut in Ordnung.

    Heidi-Schaukel. Schaukeln von heute sind zu 99% keine Schaukeln mehr. Der Schaukelspaß fängt doch erst an, wenn das Gefühl aufkommt „Huauuuuu!“ Also bauten wir eine Schaukel, dank der die Kinder fast 4m hoch schaukeln können. Als unser Sohn Lutz die ausprobieren wollte, kam ich in einen Gewissenskonflikt. Einerseits „nur so hoch klettern lassen wie sie selbst es können“ und nun „Schubst du mich an?“ und „Höher, Papa, höher!“ – Doch ich überwandt mich und dachte, er ist stark, er kann sich festhalten.
    Also schaukelte ich ihn so hoch wie er wollte. Bis an die Grenze von eben fast 4m Höhe. Immer wieder kam die Frage hoch: „was, wenn der jetzt loslässt?“ Doch beruhigte ich mich mit der Gegenfrage: „Warum sollte er loslassen?“ Lutz war damals 4 Jahre auf der Welt. Doch dann wollte auch Elia. Etwas über 1 Jahr auf der Welt.

    Und auch hier überwandt ich mich. Und auch er wollte bis ans Limit. Und auch er hielt sich fest. Später einmal schubste ich ihn falsch an und er rutschte von der Sitzfläche. Doch meinst du er hätte losgelassen? Bis ich ihn sanft abgefangen hatte, schaukelte er 3 bis vier Mal hin und her. Und er hielt sich die ganze Zeit fest. Da war er vielleicht 2.

    Wir erleben es fast täglich, wie hilfreich es ist, seine Kinder machen zu lassen. Da fällt mir die Sache mit Oskar noch ein. Oskar ist ein Puter von 8kg Gewicht und einer Größe von ca. 70cm Höhe (ohne, dass er sich groß macht). Und die Kinder ärgerten ihn anfangs viel, obwohl ich sagte, dass Oskar irgendwann, wenn er mutig genug sei, sich „rächen“ würde.

    Und der Tag kam, an dem Oskar den Revierkampf mit Lutz vollzog. Das war letztes Jahr. Lutz war 5. Lutz hatte Angst und ich sagte ihm, dass Oskar das merkt und er also nun langsam zu mir kommen solle (während ich auf Lutz und Oskar zuging). Doch Lutz rannte. Und Oskar hinterher. Als er nah genug war, sprang Oskar Lutz, Brust voran an und warf Lutz so in den Match. Einen Flügel bekam Lutz auch noch ins Gesicht. Und zu allem Überfluss war es schlammig und der Flügel war es auch. Und so sah Lutz dann auch aus. Ganz elend fühlte er sich.

    Kutz kam für´s Erste Gehegeverbot. Und obwohl er mich bat Oskar zu schlachten, sagte ich ihm, dass wir Oskar leben lassen, weil er seine Damen eben so toll beschützt. Und ich brachte ihm bei, sich selbst zu wehren. Mit den Armen schlagen, wenn Oskar kommt und laut schreien. Doch immer wenn Lutz sich umdrehte, kam Oskar hinterher. er bemerkte die Angst von Lutz.

    Also sagte ich Lutz, dass er einen Stock mitnehmen solle mit dem er sich mutig fühle. er nahm einen fast 250cm langen Ast mit ins Gehege. Unter meiner Aufsicht, logo. Und es klappte. Beim nächsten Mal wartete ich draußen. Und es klappte wieder. Inzwischen reicht ein 40cm langer Stock, damit Lutz sich stark fühlt. Bald wird er keinen mehr brauchen.

    Und Oskar hat gelernt, dass mit kleinen Menschen nicht gut Kirschen essen ist. Lutz geht inzwischen wieder allein ins Gehege. Mit seinem kleinen Bruder und Oskar hütet sich den beiden näher zu kommen. Und die Kids? Haben gelernt respektvoller mit den Tieren umzugehen.♥

    Mut zur Lücke und Stütze sein ist das A und O, denke ich.

    Herzliche Grüße
    Axel

    • Kommentar von sascha

      sascha Antworten 4. Februar 2016 um 10:13

      Erstmal danke für den anregenden, aber doch völlig undogmatischen Blog Zu der Federgeschichte habe ich allerdings eine Frage: Wie ist denn Deine Einschätzung zu Federn von Stadtvögeln, wie Tauben, Enten, Möwen?

      • Kommentar von Arne

        Arne Antworten 4. Februar 2016 um 10:41

        Hallo Sascha. Hm, interessante Frage. Ich denke darüber genauso wie über die Federn die ich im Wald oder Flur finden kann.

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